zum Hauptmenü zum Seiteninhalt zur Subnavigation zum Footermenü zur Suchfunktion zu den Hinweisen der Barrierefreiheit


Veranstaltung der Carl-Schaefer-Schule mit mehreren Kooperationspartnern: Schülerinnen und Schüler für Loverboy-Masche und Prostitution sensibilisiert

„Loverboys und Prostitution – was geht mich das an?“, war das Thema einer Veranstaltung der Carl-Schaefer-Schule im Scala Ludwigsburg und in der Aula der Schule. Die Veranstaltung griff ein tabuisiertes, aber sehr verbreitetes Thema auf. In Zusammenarbeit mit dem „Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution“, dem Scala und dem Landratsamt Ludwigsburg näherten sich die jungen Männer und Frauen der Schule je geschlechtsspezifisch der Thematik mit Filmen und spannenden Gesprächspartnern.

In einem Kinosaal sitzen viele Zuschauer auf roten Sitzen. Auf der Leinwand wird ein Bild angezeigt, während drei Personen im Vordergrund sprechen. Die Atmosphäre wirkt aufmerksam und interessiert.

Bild: Landratsamt Ludwigsburg

Die Polizeistatistik zählt jährlich um die 70 Opfer der Loverboy-Masche in Deutschland – die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Anhand des Films „du gehörst mir“ setzten sich die Schülerinnen der Carl-Schaefer-Schule im Scala mit der Loverboy-Methode auseinander, von der nur die wenigsten zuvor etwas gehört hatten, geschweige denn Genaueres wussten. Sehr eindrücklich schildert der Film, wie ein „Loverboy“ mit vorgetäuschter Liebe und den Versprechungen einer gemeinsamen Zukunft ein Mädchen aus gutem Hause gefügig macht und dabei nur das eine Ziel verfolgt: sein Opfer möglichst schnell in die Prostitution zu zwingen. Während das Mädchen wirklich verliebt ist und immer tiefer in den emotionalen Sog ihres Loverboys gerät, verfolgt dieser nur einen perfiden Plan: Ist das Mädchen, seine angebliche „Prinzessin“, ihm erst mal hörig, kann er mit ihr Geld verdienen, indem er sie zur Prostitution zwingt. 

Sandra Norak, einst selbst Opfer dieser Methode, inzwischen angehende Juristin und Aufklärerin über die Gefahren der Loverboy-Masche, bestätigte aus eigener Erfahrung, was der Film zeigt. Die Loverboys sprechen die Mädchen vorwiegend über die sozialen Medien an, so Norak. Und ist die emotionale Bindung erst entstanden und wähnen sich die Mädchen in einer echten Beziehung, schnappt die Falle zu. Auch sie habe sich aus Liebe zu ihrem Loverboy prostituieren lassen und sei immer tiefer in die Welt der Prostitution mit ihren ganz eigenen Gesetzen geraten. Mit wachsender Abhängigkeit und Verstrickung in diese Welt vergrößerte sich die Distanz zum ursprünglichen sozialen Umfeld. Der Ausstieg gelinge nur schwer und hinterlasse zerstörte Seelen, sagt Norak.

Dass Prostitution kaum freiwillig geschieht, sondern nahezu immer mit Zwang und Gewalt einhergeht und die Frauen physisch wie psychisch zerstört, betonte auch Sabine Constabel, die zweite Gesprächspartnerin neben Sandra Norak. Als Gründerin des Vereins „Sisters“, der prostituierten Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution unterstützt, kann sie aus langjähriger Erfahrung schöpfen. Es sei eine Illusion, dass man in der Prostitution Körper und Psyche trennen könne. Die Frauen erleiden massive seelische Schäden neben den körperlichen, so Sabine Constabel. Nicht selten gehe die Prostitution einher mit Drogensucht und Suizidversuchen, denn die Zwangslage und die Gewalterfahrung sei nur schwer zu ertragen für die Frauen.

Sowohl Sandra Norak als auch Sabine Constabel ermutigten die Schülerinnen dazu, aufmerksam zu sein, wenn sich Anzeichen finden, dass eine Mitschülerin oder Freundin möglicherweise zum Opfer eines Loverboys geworden ist. Es helfe, den Verdacht anzusprechen, dies sollte jedoch ohne Vorwurf und Druck geschehen. Die Tür zur Familie und zum Freundeskreis trotz der Entfernung offen zu halten, könne bei einem Ausstieg aus der geschlossenen Welt der Prostitution sehr helfen. Auch eine Anzeige bei der Polizei sei angebracht, denn es handle sich um eine Straftat. Die Betroffenen

selbst seien schambehaftet und in ihrer Abhängigkeit nicht in der Lage, eine Aussage gegen ihren Loverboy-Zuhälter zu machen und würden in aller Regel ihre Zwangslage leugnen.

Insgesamt sei es wichtig, so betonten die beiden Gesprächspartnerinnen gegenüber den Schülerinnen, auf die eigenen Grenzen zu hören. Das schütze in einer verbreitet von Pornos geprägten Fantasie von Sexualität am besten vor Übergriffen und Grenzüberschreitungen – auch jenseits der Loverboy-Masche.

Parallel zur Veranstaltung im Scala sahen ungefähr 120 junge Männer in der Aula der Carl-Schaefer-Schule zunächst eine Doku zum Thema Prostitution und ihren Folgen. Vom Frankfurter Straßenstrich bis zur Hamburger Reeperbahn kamen Hotspots der Prostitution in den Blick. Es wurden vor allem von Prostitution betroffene junge Frauen interviewt, die die oft erschütternd harte Realität von Frauen in der Drogen- und der Armutsprostitution aufzeigten. Auch Freier äußerten offen ihre Ansichten und Einschätzungen und wussten sehr wohl um die entwürdigende Situation vieler junger Frauen im Rotlichtmilieu. Einer der Freier bekannte: „Ich würde das niemals an mir machen lassen, um keinen Preis“ – und ging im nächsten Augenblick direkt in ein Kölner Bordell.

Die Fragen der jungen Männer in der Aula kreisten um die Legalität von Prostitution, um die Freiwilligkeit der Prostituierten, um Gründe für Zwangsprostitution und die Rolle von Social Media. Mit Kriminalkommissar Wolfgang Fink aus dem Bereich Menschenhandel beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg war ein ausgewiesener Experte auf dem Podium, der nicht zuletzt die Aufklärung über die kriminellen Machenschaften hinter dem vermeintlich sauberen Bordell „Paradise“ mit vorangetrieben hatte. Er konnte glaubwürdig und mit hohem Expertenwissen aufzeigen, dass der von Bordellbetreibern bis heute verbreitete Mythos vom „happy sex“ und Wellnessoasen mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. In Wahrheit strömen in Deutschland permanent junge Mädchen vorwiegend aus Südosteuropa nach, die von Zuhältern und Menschenhändlern im „Bordell Deutschland“ gnadenlos ausgenutzt werden. „Gibt es auch gute Prostitution?“ war eine der Fragen der Schüler. Die Antwort darauf ist klar: Die Zahl vor allem junger Frauen in der Massen- und Zwangsprostitution überwiegen die der selbstständigen Prostituierten bei Weitem. Diese bilden eher die Ausnahme als die Regel.

Eines wurde durch die Veranstaltung deutlich: Prostitution ist kein Kavaliersdelikt, fordert hohe Opfer und ist vor allem für Zuhälter und Bordellbesitzer ein äußerst lukratives Geschäft und findet überwiegend in einem hochkriminellen Umfeld statt. Vor dem Hintergrund dieser Informationen zur Prostitution stellt sich sehr schnell die Frage nach der Würde des Menschen in Bezug auf die jungen Frauen, die prostituiert werden. H. Edgar Lichtner, Geschäftsführer des Ludwigsburger Scala, der ebenfalls auf dem Podium saß, hat dazu eine klare Haltung: Für ihn ist es keineswegs ein Zeichen von Männlichkeit, nach dem Abi oder der Abschlussfeier in den Puff zu gehen. Und Moderator Jörg Maihoff vom Ludwigsburger „Bündnis gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel“ stellte die Prüffrage für alle Männer im Raum: „Würden wir unseren Verwandten, Schwestern und Freundinnen ein solches Leben in Entwürdigung und unter permanentem Zwang zumuten wollen?“ Diese rhetorische Frage könnte zum Leitbild des Handelns werden. 

Über zwei Stunden lang waren die jungen Männer hochkonzentriert bei der Sache, stellten offen ihre Fragen und bedankten sich für den spannenden Vormittag mit langanhaltendem Applaus. Auch die jungen Frauen gaben ein sehr positives Feedback zur Wichtigkeit und Relevanz des Themas „Loverboys“.