Herr A. (Name wurde aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert) stammt aus Nigeria, ist 27 Jahre alt und hat in seinem Leben schon viel Schlimmes erleben müssen. Bereits als Kind musste er lernen, sich durchzukämpfen. Beide Eltern waren bei einem Motorradunfall ums Leben bekommen, als er noch ein Baby war. Danach wurde er von einem Onkel aufgenommen, der ihn aber misshandelte und schließlich schwer verletzt auf die Straße setzte. Zwei Jahre lang lebte er unter einer Brücke, bis ein Freund ihm erzählte, dass man in Libyen leichter Arbeit finden kann. Voller Hoffnung zog er los, auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Es kam leider anders. Er wurde in Libyen von einer kriminellen Bande gekidnappt und über mehrere Tage hinweg misshandelt. Er sollte sich seine Freiheit mit Geld erkaufen, konnte seinen Entführern aber nichts bieten. Darum wurde Herr A. zwei Monate lang schwer mit Holzscheiten und Waffen geschlagen. Infolge der Misshandlungen verlor er sein Gehör. Als er nicht mehr auf Ansprache reagierte, wurde er blutend zum Sterben auf der Straße zurückgelassen. Herr A. war zu diesem Zeitpunkt erst 21 Jahre alt.
Doch Herr A. ist nicht gestorben. Stattdessen hat er sich aufgerappelt und trotz der Taubheit weiter gemacht. Er hatte Angst, wieder entführt zu werden und beim nächsten Mal wirklich zu sterben. Mit seiner Umgebung konnte er nur noch per Schrift kommunizieren. Ein Bekannter schrieb auf einen Zettel: „Geh doch nach Italien, dort helfen sie dir mit deinen Ohren - anstatt hier zu bleiben, wo Menschen wie Tiere getötet werden.“
Also ging Herr A. nach Italien, wieder in der Hoffnung auf bessere Chancen und gesundheitliche Versorgung. Doch auch hier kümmerte sich niemand um seine Gehörprobleme. Durch die vielen schlimmen Erfahrungen hatte er eine Traumafolgestörung entwickelt, die zu körperlichen Schmerzen und schlaflosen Nächten führte. Hinzu kamen schlimme Schmerzen an den Ohren. Herr A. lebte auf der Straße, ohne Unterstützung und ohne medizinische Versorgung. Angreifer konnte er nicht kommen hören und sich nicht vor ihnen schützen. Schließlich machte er sich erneut auf, dieses Mal nach Deutschland, wo er im Jahr 2018 ankam. Seine Reise hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre gedauert.
Im März 2019 kam er im Landkreis Ludwigsburg an, wo er zunächst in einer großen Flüchtlingsunterkunft, anschließend in einer städtischen Unterkunft untergebracht wurde. Eine Vorstellung bei der Traumasprechstunde des Landkreises bestätigte, dass A. unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Schlimmer noch als die nächtlichen Alpträume wirkt sich aber die Hörbehinderung aus, die ihn nicht nur ständig an die schrecklichen Erlebnisse erinnert, sondern auch zu einer ständigen Einschränkung in seinem täglichen Leben führt. Es war ihm zwar möglich, in Englisch von den Lippen zu lesen, der Besuch eines Sprachkurses blieb ihm jedoch aufgrund der Taubheit verwehrt. Dennoch ist er ein wissbegieriger junger Mann, der im Leben vorankommen möchte und sich von seinen Einschränkungen nicht aufhalten lässt.
Die Integrationsmanagerin beim Landratsamt Ludwigsburg unterstützte Herrn A. bei den nächsten Schritten. Die erhoffte Ohrenoperation konnte leider bislang nicht durchgeführt werden, da die Bleibeperspektive noch ungeklärt ist und nicht gesichert ist, dass das anschließend notwendige intensive Hörtraining beendet werden kann. Eine Zusage der zuständigen Behörde, ihn für die Dauer des Trainings in Deutschland bleiben zu lassen, war bislang nicht möglich.
Dem Integrationsmanagement ist es gelungen, einen speziellen Integrationskurs für Gehörlose zu finden. Herr A. kann dort seit April 2021 neben der Gebärdensprache auch die deutsche Schrift erlernen. Da der spezielle Kurs nur in Heidelberg angeboten wird, wurde eine vorüber-gehende Unterkunft vor Ort organisiert. Ausländerbehörde, Leistungsabteilung, der Soziale Dienst Asyl des Landratsamtes sowie die Gemeinde haben sich gemeinsam bemüht, Herrn A. die Teilnahme zu ermöglichen, auch zum Aufbau sozialer Kontakte mit anderen hörbehinderten Menschen. Zudem erhält er Hilfe von Lehrern, die ihn in Alltagsfragen beraten können.
Mit seiner Integrationsmanagerin kommuniziert er über E-Mails und hat bereits nach wenigen Wochen im Kurs angefangen, seine Mails auf Deutsch zu schreiben. Herr A. träumt immer noch davon, irgendwann wieder hören zu können. Solange dies nicht möglich ist, wartet er und besucht seinen Sprachkurs. Er hofft, nun endlich eine Chance zu bekommen, sich ein Leben aufzubauen. Das Integrationsmanagement begleitet ihn dabei auf seinem Weg.
Zum Hintergrund: Die Traumasprechstunde im Landkreis Ludwigsburg
Das Integrationsmanagement / Pakt für Integration ist ein breites Netzwerk von Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Kreisdiakonieverband, dem Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes und dem Landratsamt Ludwigsburg und zielt auf die Integration von geflüchteten Menschen ab.
Wie im Fall von Herrn A. haben einige Menschen vor oder während der Flucht traumatische Erfahrungen gemacht, die in manchen Fällen eine gezielte Hilfestellung erforderlich machen. Auch für die Integrationsmanagerinnen und -manager stellt die Beratung und Begleitung dieser Personen und ihrer tragischen Biografien häufig eine Herausforderung dar.
Deshalb bietet der Landkreis seit Mitte 2019 eine monatliche Traumasprechstunde an. In dieser besteht für die betreuenden Fachkräfte die Möglichkeit, traumatisierte Menschen vorzustellen oder sich selbst beraten zu lassen.
Inhalt der Sprechstunde ist eine einmaliger Abklärungstermin durch einen qualifizierten Facharzt sowie die Planung von weiteren notwendigen Schritten. Für diese Aufgabe konnte Dr. Jürgen Knieling, ärztlicher Direktor der psychosomatischen Klinik Bietigheim-Bissingen, gewonnen werden.
Am Ende der Traumasprechstunde steht eine Diagnose sowie die Einschätzung weiterer notwendiger Schritte zur Stabilisierung des Geflüchteten. Hierzu können neben der Empfehlung einer notwendigen medizinischen oder therapeutischen Behandlung auch Empfehlungen zur anschließenden sozialpädagogischen Betreuung gehören.
Das Integrationsmanagement bezieht die gemeinsam besprochene Empfehlung in die individuelle Hilfeplanung ein und begleitet den traumatisierten Menschen bei den weiteren Schritten.