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Mehr Platz fürs PKC

Am Mittwoch, 29. Juli, fand die offizielle Schlüsselübergabe des Neubaus des Seminargebäudes Strombergstraße 21 in Freudental für die künftige Nutzung durch das Pädagogisch-Kulturelle Centrum ehemalige Synagoge Freudental e.V. (PKC) im Beisein von Vertretern des Landkreises, des PKC und der Bauherren statt.

Landrat Dietmar Allgaier begrüßte die Anwesenden und freute sich über die termingerechte Fertigstellung des Neubaus, bei der die Kostenprognose von rund 680000 Euro sogar unterboten wurde. Herbert Pötzsch, Vorsitzender des PKC, sowie Isolde Siegers und Michael Volz, Geschäftsleitung PKC, stellten die Nutzungsmöglichkeiten des direkt an die ehemalige Synagoge angebundenen Erweiterungsbaus dar. Der Neubau biete nun einen zweiten Seminarraum, vier neue Einzelzimmer mit separaten Sanitäreinheiten, einen Archivraum mit einer Lüftungsanlage sowie ein barrierefreies Besucher-WC.

Die Architekten Ulrike Engelhard und Klaus Eggler von „engelhard.eggler.architektur“ (Besigheim) haben in 16 Monaten Bauzeit die Arbeiten sehr engagiert betreut. Offizieller Baubeginn war am 26. März 2019 mit dem Start der Abbrucharbeiten, am 12. September 2019 wurde das Richtfest gefeiert. Die Arbeiten wurden von der Wüstenrot-Stiftung mit 50000 Euro unterstützt.

Eine Besonderheit des neuen Seminarraums im Neubau ist das Graffiti aus dem „Schächthaus“, das möglicherweise als Indiz belegt, dass die Freudentaler Juden auch nach dem Schächtverbot der Nationalsozialisten noch einige Jahre heimlich Kleinvieh geschächtet haben. Bis zum Abriss des Gebäudes im Jahr 2017 sind Fleischerhaken und die Abflussrinne für das Blut der Tiere erhalten geblieben.

Das Pädagogisch-Kulturelle Centrum ehemalige Synagoge Freudental e.V. (PKC) ist Forschungsstätte und Lernort zur Geschichte der deutschen Landjuden insbesondere im württembergischen Unterland und gehört zum unverzichtbaren Erbe der ehemals jüdischen Gemeinde Freudental. Das Konzept der Einrichtung hat von Beginn an den authentischen, historischen Lernort mit der Tagungsstätte verknüpft. Die vor nahezu 40 Jahren konzeptionierte und seit 1985 genutzte Tagungsstätte wurde 2004 modernisiert und erweitert. Aufgrund der beschränkten verfügbaren Räume stieß das PKC sowohl bei seinen Lernangeboten als auch bei den Unterbringungsmöglichkeiten in der Tagungsstätte an Kapazitätsgrenzen. Der Landkreis hat das Grundstück Strombergstraße 21 im Jahr 2015 erworben. Durch die Einbindung des Gebäudes bot sich die Chance einer sinnvollen Arrondierung des Gebäudeensembles, womit die Zukunftsfähigkeit des PKC gesichert wird.

Zur Architektur des Neubaus: 

  • Holzbau mit zertifizierten Hölzern
  • PKC-Erweiterung schließt sich harmonisch an das Hauptgebäude an
  • Insgesamt 142 Quadratmeter Nutzfläche inklusive Keller
  • Seminarraum mit 34 Quadratmetern
  • im Untergeschoss: Archivraum für Buchbestände des PKC mit Lüftung
  • Der Seminarraum hat einen separaten Zugang. In Abstimmung mit der Gemeinde Freudental soll er auch anderen Freudentaler Vereinen (VHS, Musikschule) zur Verfügung stehen
  • Gläserne Fassade des Seminarraums öffnet sich zur Straße und zum bestehenden Innenhof
  • Wärmeversorgung aus dem grünen Nahwärmenetz der Gemeinde Freudental

Aus dem ehemaligen Schächthaus wurden zwei Graffiti gesichert:

  • die Abrechnung mit dem nicht-jüdischen Kleintierlieferanten Wilhelm Kummer, der von den Nazis als notorischer Judenfreund geächtet wurde. Möglicherweise ist diese Rechnung ein Indiz für die Zeitzeugen-Aussage, dass die Freudentaler Juden auch nach dem Schächtverbot der Nationalsozialisten noch einige Jahre heimlich Kleinvieh geschlachtet hätten. 
  • Bleistift-Fragmente eines Hakenkreuzes und eines Hitler-Grußes. Beide dürften wohl unmittelbar nach der faktischen „Arisierung“ des jüdischen Schulhauses von Jugendlichen in die Scheuer gekritzelt worden sein. Nach dem Novemberpogrom von 1938 waren ein Kindergarten und die Hitler-Jugend ins Hauptgebäude gezogen.