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Gemeinsam für Sorgearbeit in Pflege und Familie

In Zeiten der Pandemie ist die Last der Sorgearbeit in Pflege und Familie (Care-Arbeit) gestiegen. Daher macht das Netzwerk Herausforderung Pflege und Beruf im Landkreis Ludwigsburg auf die besondere Situation aufmerksam, dass immer noch 80 Prozent der Sorgearbeit laut der Initiative Equal Care Day von Frauen geleistet wird.

„Das heißt, dass Männer vier Jahre lang für dieselbe Menge an Care-Arbeit brauchen, die Frauen in nur einem Jahr leisten“, zieht die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreis Ludwigsburg Cynthia Schönau einen anschaulichen Vergleich. Über 80 Prozent in der beruflichen Sorgearbeit leisten Frauen. Im unbezahlten Bereich beläuft sich die Kennzahl für den Unterschied im täglichen Zeitaufwand auf 52 Prozent. Dieser Unterschied wird bezeichnet als „Gender Care-Gap“.
„Braucht es auch im Jahr 2021 einen Equal Care Day?“, so das Netzwerk Herausforderung Pflege und Beruf, und beantwortet die Frage gleich mit einem deutlichen: „Ja, auf jeden Fall!“ Nach über einem Jahr Pandemie mit Home-Office und Home-Scooling stellen sich auf neue Situationen ein: Sorgearbeit und Erwerbsarbeit, Gesellschaft und Ökonomie, Bildung und Zukunft, Entschleunigung und Erschöpfung, Freizeit und Kontaktbeschränkung haben im vergangenen Jahr zugenommen. „Jede und Jeder hat zu diesen Spannungsfeldern persönliche Alltage“, stellt Schönau fest. „Das vergangene Jahr hat uns die Bedeutung von Care-Arbeit neu vor Augen geführt.“
Care-Arbeit im häuslichen Bereich musste erweitert werden, weil professionelle Care- und Bildungsarbeit als Präsenzangebote in Einrichtungen wie Kita, Schule, Hochschulen und Tageskliniken eingeschränkt und eingestellt wurde. „Diese Situation wurde in den Familien unterschiedlich erlebt, so Sophia Clauss vom Pflegestützpunkt Standort Stadt Ludwigsburg. Für manche entstand eine willkommene Entschleunigung und sie genossen das Mehr an Familienzeit. Andere erlebten hingegen eine Mehrbelastung bis hin zu Erschöpfung.“
So stellen sich auch viele Fragen: Wie und wo findet Erwerbstätigkeit künftig statt? Wer übernimmt Sorge- beziehungsweise Care-Arbeit zuhause? Wie wird Care-Arbeit künftig wahrgenommen, bewertet und bezahlt? Eine Analyse der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2020 zeigt zum Beispiel auf, dass die Entscheidung für Kinder bei Frauen zu durchschnittlichen Einbußen an Lebenserwerbseinkommen von rund 40 Prozent bei einem Kind und bis zu fast 70 Prozent bei drei oder mehr Kindern führt. Dies gleicht ein Blumenstrauß am Muttertag nicht aus, findet Cynthia Schönau.
Der Equal Care Day bietet ein Forum für alle, die in der Sorgearbeit, sei es in der Pflege oder Familie sowie der Belastung durch die alltägliche Verantwortung für Haushalt, Familie und Beziehungspflege („Mental Load“ – Last der Verantwortung) und Geschlechtergerechtigkeit aktiv sind. Das Forum bietet die Möglichkeit, sich gemeinsam zu engagieren, Ursachen und Fehlentwicklungen zu diskutieren und Lösungsansätze zu entwickeln. Die Festlegung des Equal Care Day auf einen 29. Februar., den es nur alle vier Jahre gibt, stehe symbolisch auch dafür, dass Care-Arbeit zwar immer stattfindet, meist jedoch im Verborgenen, selbstverständlich und nach außen nicht sichtbar, so Kristina Class von der Pflegeberatung der RKH Kliniken Ludwigsburg.
Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung seien es vor allem Frauen, die in „systemrelevanten“ Branchen wie Pflege, Gesundheit, soziale Arbeit, Erziehung oder dem Einzelhandel arbeiten. Trotz ihres Einsatzes zählen die Beschäftigten dieser Berufe oft zu den „Working Poor“, für die das Einkommen kaum zum Leben reicht, so Karin Lindenberger, Beauftragte für Chancengleichheit der Arbeitsagentur. Ein Drittel der Mütter in „systemrelevanten“ Berufen verdienen weniger als 1.100 Euro netto im Monat. Aktuell hat ein Drittel aller Familien aufgrund der Pandemie größere Geldsorgen, ergänzt Heike Walter, Beauftragte für Chancengleichheit beim Jobcenter des Landkreises.
„Es gibt nicht die Zeit nach der Pandemie. Jetzt können wir hinschauen und überlegen, wie das die Herausforderung Pflege und Beruf im persönlichen Alltag in der Zukunft ohne Überforderung gut gelingen kann. Jetzt kann an Rahmenbedingungen gefeilt werden, um Zeit-Räume für Care-Arbeit zu schaffen. Jetzt wo Care-Arbeit deutlich sichtbarer geworden ist, darf ihre Bedeutung als Baustein für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Ermöglichung regelmäßiger Erwerbstätigkeit nicht übersehen werden“, gibt die Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Ludwigsburg Judith Raupp die Einschätzung des Netzwerks Herausforderung Pflege und Beruf wieder.
Das Netzwerk Herausforderung Pflege und Beruf verknüpft verschiedene Fachperspektiven und Zielgruppen, gibt Impulse durch Vorträge und berichtet über gelungene Praxisbeispiele in Netzwerken. Care-Arbeit ist per se systemrelevant und verdient den Respekt und die Solidarität aller. Im Netzwerk sind Gleichstellungsbeauftragte aus Stadt und Landkreis Ludwigsburg, die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Agentur für Arbeit und des Job Centers Ludwigsburg, der Pflegestützpunkt Ludwigsburg, die Altenhilfe-Fachberatung des Landkreises Ludwigsburg und Mitarbeitende der Pflegeberatung des RKH Klinikums Ludwigsburg miteinander verzahnt.
Weiterführende Informationen zum Thema:
Dr. Johanna Possinger und Dörthe Gatermann erörtern das Optionszeiten-Modell. Ein Forschungsteam um Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger hat dieses Modell erstellt. Sie sprechen von „atmenden Lebensläufen“. Gemeint ist, dass Phasen der Erwerbsarbeit mit Phasen der Sorgearbeit für Kinder und Ältere, aber auch Phasen der (Fort-)Bildung, des Ehrenamts und der Selbstsorge vereinbar gemacht werden.
www.familienportal.kit.edu/downloads/Backlash.pdf
„Care-zentrierte Ökonomie“ vertritt Professorin em. Dr. sc. oec. Uta Meier-Gräwe. Zentral ist hierbei die Forderung Care- bzw. Sorgearbeit als Grundlage für alles wirtschaftliche Handeln zu definieren. Sie fordert die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit nicht mehr als Privatangelegenheit zu betrachten, sondern Rahmenbedingungen herzustellen, die es ermöglichen Erwerbs- und Sorgearbeit ohne Überforderung leisten zu können.
www.bpb.de/apuz/care-arbeit-2020/317855/wirtschaft-neu-ausrichten-wege-in-eine-care-zentrierte-oekonomie