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Europaveranstaltung mit Impulsvortrag und Podiumsdiskussion im Kreishaus Ludwigsburg - Gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen - Bürgermeister Markus Kleemann neuer Vorsitzender des Kreisverbands der Europa-Union

Nur gemeinsam können die EU-Mitgliedstaaten die Corona-Krise überwinden – diese Feststellung zog sich wie ein roter Faden durch die Wortbeiträge der Europaveranstaltung des Landratsamts und des Kreisverbands Ludwigsburg der Europa-Union am Montagabend (05.10.2020) im Kreishaus Ludwigsburg. Die Veranstaltung mit rund 70 geladenen Gästen konnte im Live-Stream über die Homepage des Landkreises verfolgt werden. Nach der Begrüßung durch Landrat Dietmar Allgaier hielt der baden-württembergische Europa- und Justizminister Guido Wolf seinen Impulsvortrag. Danach diskutierten Minister Wolf, der deutsche Generalkonsul in Mailand, Claus Robert Krumrei, sowie Alberto Barzanò, Professor an der katholischen Universität in Mailand und Einwohner der Provinz Bergamo, auf dem Podium über Möglichkeiten zur Bewältigung der Corona-Krise, auch unter dem Aspekt der aktuellen deutschen Ratspräsidentschaft. Ulrike Trampus, Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung, moderierte die Podiumsdiskussion. Vor der Veranstaltung war Bürgermeister Markus Kleemann auf der Mitgliederversammlung des Kreisverbands Ludwigsburg der Europa-Union zum neuen Vorsitzenden gewählt worden, Landrat Allgaier zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden.

Bei der Europaveranstaltung auf dem Podium (von links): Europa- und Justizminister Guido Wolf, Moderatorin Ulrike Trampus, Prof. Alberto Barzanò und Generalkonsul Claus Robert Krumrei.

Am Rande der Mitgliederversammlung des Kreisverbands der Europa-Union (von links): Landrat Dietmar Allgaier, neu gewählter erster stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands der Europa-Union, Bürgermeister Markus Kleemann, neu gewählter Vorsitzender des Kreisverbands der Europa-Union, sowie der ehemalige Landrat Dr. Rainer Haas, bisheriger Vorsitzender des Kreisverbands der Europa-Union.

„Beim EU-Gipfel Mitte Juli hat man die nötige Solidarität teilweise leider vermisst, und es gab geschlossene Grenzen und Einreiseverbote – die EU-Mitglieder haben als Nationalstaaten schnell und ohne Absprache mit den anderen für sich allein gehandelt“, stellte Landrat Allgaier einleitend bei der Begrüßung fest.

Minister Wolf knüpfte in seinem Impulsvortrag daran an und sagte: „Das Corona-Virus zeigt, wie wichtig es ist, als Europa zusammenzustehen, an einem Strang zu ziehen, Gemeinschaft über Ländergrenzen auszubauen und aus der Krise die richtigen Schlüsse zu ziehen.“ Einer dieser richtigen Schlüsse seien Begegnungen – Begegnungen wie die kürzlich stattgefundene Delegationsreise aus dem Landkreis Ludwigsburg mit Landrat Allgaier an der Spitze in die befreundete Provinz Bergamo, die bis in den Sommer von der Pandemie besonders stark betroffen war. Gerade die Kommunen würden mit einer schlagkräftigen Verwaltung vor Ort eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Krise spielen, beispielsweise beim Verteilen der Schutzausrüstung. Wolf plädierte für eine Renaissance der Städtepartnerschaften. Der Zusammenbruch der Lieferketten habe gezeigt, wie sehr Kooperationen benötigt würden. Wichtig sei, dass der Binnenmarkt funktioniere und Investitionen in Forschung und Technik getätigt würden. Doch der finanzielle Rahmen müsse mit der Rechtsstaatlichkeit verknüpft werden, damit es keine Rosinenpickerei gebe. Auch auf die Digitalisierung kam Wolf zu sprechen: „Wichtig ist, dass wir digitaler aus der Krise gehen als wir hineingegangen sind.“ Beim Klimaschutz sei Europa dazu aufgerufen, Lösungen zu finden, die Nachahmer finden. Ökologie und Ökonomie seien dabei gegenseitige Voraussetzungen. „Für ein gemeinsames Europa sollten wir das Verbindende über das Trennende stellen – nur gemeinsam sind wir wettbewerbsfähig und können unser Modell für Frieden, Freiheit und Wohlstand verteidigen. Nehmen wir die Krise als Chance für einen Neustart mit Elan“, so Wolf abschließend. 

In der darauffolgenden Podiumsdiskussion schilderte Generalkonsul Krumrei, wie er mit der Krise konfrontiert wurde. Die Bilder aus Bergamo seien „ein Signal des Schocks“ gewesen. Das Generalkonsulat, so berichtete Krumrei, sei ein Beobachtungsposten. „Wir hatten die Aufgabe, das Seuchengeschehen zu vermessen“, so Krumrei. Vor allem sei das Generalkonsulat aber Ansprechpartner für alle deutschen Landsleute gewesen, die bei Ausbruch der Krise in Norditalien waren.

Minister Wolf bedauerte, dass es nur mit Zeitverzögerung gelungen sei, schwerstkranke Patienten aus Frankreich und Italien in deutschen Kliniken aufzunehmen beziehungsweise dies anzubieten. Das müsse in Zukunft besser mit den europäischen Nachbarn besprochen werden, man dürfe diese in solchen Situationen nicht vor den Kopf stoßen. In diesem Zusammenhang berichtete Barzanò, wie wichtig Mitgefühl und Solidarität in einer schlimmen Krisensituation seien, wie sie in der Provinz Bergamo geherrscht habe. „Beides haben wir aus dem Landkreis Ludwigsburg bekommen – und das vergessen wir nicht. Das Angebot, schwerstkranke COVID-19-Patienten aus Bergamo im Klinikum Ludwigsburg zu behandeln, war viel wichtiger als die tatsächliche Hilfe, die dann letzten Endes nicht benötigt wurde – dafür sind wir dankbar, ebenso wie für den Aufbau eines einzigartigen COVID-19-Labors mit Hilfe von Porsche Consulting, das täglich bis zu 5000 Proben analysieren kann.“ Krumrei forderte, dass man eine Struktur für Krisen schaffen müsse: „Es gibt eine wirtschaftliche und menschliche Zusammengehörigkeit, aber noch keine administrative“, stellte er fest. Dennoch gebe es „ein Grundgerüst der europäischen Zusammenarbeit, das nicht zur Disposition steht“, betonte Wolf. Auf die Frage, wie junge Leute Europa wahrnehmen, antwortete Barzanò, dass er zwei Arten von jungen Leuten wahrnehme: jene, die Europa als einzige Lösung für die Zukunft sehen und jene, die aufgrund mangelnden Geschichtswissens zu nationalistischem Denken zurückkehren würden.

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer, dass Europa gestärkt aus der Krise hervorgehen werde. Als Beleg führte Krumrei das EU-Hilfspaket an, „mit dem Europa auf einem guten Weg ist, nachdem jetzt allen klar ist, was die Stunde geschlagen hat“. Wichtig sei aber auch „Freundschaft mit Herz“ zwischen den EU-Mitgliedsstaaten, insbesondere zwischen Deutschland und Italien. Barzanò betonte die Bedeutung guter persönlicher Beziehungen auf höchster politischer Ebene. Dies habe sich schon bei der Gründung der EU gezeigt. Aus Freundschaften der Staatschefs würden sich Freundschaften zwischen den Staaten entwickeln. Das Virus habe, weil es alle gleich betreffe, das Potenzial vor Augen geführt, das man habe, wenn man zusammenstehe, sagte Wolf. 

In seinem Schlusswort stellte Landrat Allgaier fest, „dass wir einen informativen und interessanten Abend erlebt haben“. Er erinnerte nochmals an den Delegationsbesuch in der Provinz Bergamo, bei dem eine Absichtserklärung unterschrieben wurde, dass die bestehende Freundschaft zwischen dem Landkreis Ludwigsburg und der Provinz Bergamo in eine Partnerschaft überführt werden soll und man gemeinsame Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung, Kultur und Wirtschaft in Angriff nehmen möchte. „Ich bin ebenfalls optimistisch, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen – auf europäischer Ebene, aber auch kommunal“, sagte Allgaier.

Im Vorfeld der Europaveranstaltung fand die Mitgliederversammlung des Kreisverbands Ludwigsburg der Europa-Union Deutschland e.V. statt. Dabei wurde Markus Kleemann, Bürgermeister der Gemeinde Oberstenfeld, zum neuen Vorsitzenden gewählt. Er folgt damit auf den ehemaligen Landrat Dr. Rainer Haas, der nicht erneut zur Wahl antrat. Haas hat sich in der Vergangenheit bereits in vielerlei Hinsicht für den europäischen Gedanken eingesetzt. Für seine Verdienste wurde er vom Verband mit der Ehrennadel in Gold ausgezeichnet. Landrat Dietmar Allgaier wurde zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Kreisverbands gewählt. Er möchte das Engagement des Landkreises für Europa weiterverfolgen und gerne unterstützen. Als weitere Stellvertreter stehen Kleemann der Landtagsabgeordnete Fabian Gramling, der ehemalige Landesvorsitzende der Jungen Europäer, Alexander Holder, sowie Inge Köngeter zur Seite.