Landrat Dr. Rainer Haas: Unsere Beruflichen Schulen haben große Bedeutung – für die Jugendlichen, die Wirtschaft und den Landkreis

Die berufliche Bildung stand im Mittelpunkt des Landkreis-Neujahrsempfangs am Freitagabend mit mehr als 650 Gästen. Dabei fand die Veranstaltung zum zweiten Mal nach 2001 im Beruflichen Schulzentrum Bietigheim-Bissingen (BSZ) statt. Wie damals anlässlich der abgeschlossenen Erweiterung gab es dafür auch diesmal einen besonderen Grund: Das BSZ wird dieses Jahr 100 Jahre alt. Zudem ist der Landkreis seit 40 Jahren Träger der Beruflichen Schulen. „Das BSZ ist jung, lebendig und attraktiv geblieben – das zeigen drei Tatsachen: der gewerbliche und der kaufmännische Teil sind hier unter einem Dach vereint, die Kontakte zu den Unternehmen werden optimal genutzt, und die Schule gewinnt immer wieder externe Fachleute – kein Wunder also, dass aktuell mehr als 2400 Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen Landkreis die Schule besuchen“, sagte Landrat Dr. Rainer Haas. Er hob ferner hervor, dass die Beruflichen Schulen große Bedeutung haben für die Jugendlichen, die Wirtschaft und den Landkreis. „Dementsprechend handelt der Landkreis: Er hat in den vierzig Jahren allein in Neu- und Erweiterungsbauten fast 100 Millionen Euro investiert“, so Haas.

 

Zunächst blickte der Chef der Kreisverwaltung aber auf 2009 zurück, das er als „ein ganz überwiegend positives Jahr für den Landkreis“ bezeichnete. Insgesamt vier Wahlen und der große personelle Umbruch im Kreistag – fast die Hälfte der 98 Mitglieder sind neu – seien gut bewältigt worden. Landrat Haas nannte als Beispiele auch die konstante Kreisumlage, den gesicherten Fortbestand der Strohgäubahn und dass man den sozialen Bereich gestärkt habe durch die Erhöhung der Zahl der Schulsozialarbeiter und der Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes. „Der Kreis handelt auch in anderen Bereichen nachhaltig: Im vergangenen Jahr haben wir umfangreiche Investitionspakete für die Kliniken und die Beruflichen Schulen geschnürt“, sagte der Landrat. Neben diesen erfreulichen Punkten sprach Haas auch den schrecklichen Amoklauf von Winnenden und Wendlingen an. Seit dem Amoklauf seien beim Landratsamt mehr als 2500 Waffen mit einem Gesamtgewicht von rund fünf Tonnen abgegeben worden.

 

2010 werde, so der Landrat weiter, eine echte Herausforderung, weil sich bis Mitte des Jahres die Auswirkungen der Finanzkrise zeigen würden. „Es wird ein entscheidendes Jahr, ein Jahr der Weichenstellung“, stellte der Chef der Kreisverwaltung fest. Momentan stehe der Landkreis noch gut da, weil er in den vergangenen Jahren Schulden abgebaut und Kreditaufnahmen vermieden habe. „Doch die Aufstellung des Haushalts wird eine schwierige Aufgabe und die Erhöhung der Kreisumlage unumgänglich, weil die Steuerkraft der Gemeinden stark rückläufig ist, die Zuwendungen des Bundes sinken und gleichzeitig mehr als 95 Prozent unserer Ausgaben gesetzlich vorgegeben sind“, sagte Haas. Dies seien allerdings Probleme, mit denen alle Landkreise zu kämpfen hätten. Als wichtige Aufgaben im laufenden Jahr nannte der Landrat den weiteren Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs und die Fortsetzung der Veranstaltungen zum Thema Demografie. Trotz der nicht nur günstigen Vorzeichen gehe der Landkreis optimistisch in dieses Jahr, sagte der Landrat.

 

Grund zur Freude würden die beiden Jubiläen „100 Jahre Berufliches Schulzentrum Bietigheim-Bissingen“ und „Berufliche Schulen – 40 Jahre Trägerschaft des Landkreises“ geben. Der Chef der Kreisverwaltung wies darauf hin, dass das BSZ bis 1970 eine reine Berufsschule war und erst durch den Schulentwicklungsplan II und die Übernahme der Trägerschaft durch den Landkreis berufliche Vollzeitschulen hinzu gekommen seien. Heute gebe es an der Einrichtung fast genau so viele Schüler in Vollzeit wie Berufsschüler. „Das BSZ hat sich ständig und bedarfsorientiert weiterentwickelt. Als jüngste Beispiele seien das Profil ,Technik und Management’ am Technischen Gymnasium und die Fremdsprache Chinesisch am Beruflichen Gymnasium genannt“, so Haas.

 

Der Landrat wies auch darauf hin, dass das BSZ als nur eine von vier Schulen im gesamten Land den gewerblichen und den kaufmännischen Teil unter einem Dach vereint. Dies sei eine große Stärke der Bildungseinrichtung, ebenso wie die guten Kontakte zu den Unternehmen. Das BZS profitiere auch von der Einbeziehung externer Fachleute, beispielsweise in der eigenen Veranstaltungsreihe „Schule trifft Wirtschaft“ mit Referenten wie Trumpf-Chefin Dr. Nicola Leibinger-Kammüller. Sehr nützlich seien außerdem Kooperationen, wie mit den „Aktiven Unternehmern Bietigheim-Bissingen“ und der „Industrievereinigung Bietigheim-Bissingen, sowie mit Schulen in Frankreich und Brasilien. Als weitere Besonderheiten erwähnte Haas die auf Landesebene beim „Jugend trainiert für Olympia“ siegreiche Handball- und Tennismannschaften der Schule, den Förderverein der Schule und deren ausgezeichnete Verbindung zur Stadt Bietigheim-Bissingen und zu den Schulen der Stadt.

 

Der Chef der Kreisverwaltung sprach auch die Herausforderungen an: die Schwierigkeit, in manchen Fächern geeignete Lehrer zu finden, die steigenden Anforderungen in der modernen Arbeitswelt, die zunehmende Verlagerung von pädagogischen Aufgaben in die Schule oder die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund. „Das alles meistert diese Bildungseinrichtung bravourös: Der rasante Anstieg der Schülerzahlen von 924 im Jahr 1970 auf aktuell mehr als 2400 ist der beste Beweis für die Attraktivität des BSZ“, bilanzierte Landrat Haas.

 

Diese Attraktivität zeichne alle sechs Beruflichen Schulen aus, für die der Landkreis 1970 die Trägerschaft übernommen hat. Dazu kam es, weil die bisherigen Träger – die Berufsschulverbände Ludwigsburg und Bietigheim sowie die Städte Ludwigsburg, Bietigheim und Kornwestheim – den nötigen großen Investitionen nicht gewachsen gewesen wären. Der Beschluss zum Bau zweier beruflicher Schulzentren in Ludwigsburg/Kornwestheim und Bietigheim im Juli 1970 habe einen finanziellen Kraftakt bedeutet, zumal zur gleichen Zeit das Ludwigsburger Klinikum umgebaut und modernisiert wurde. In den 40 Jahren Trägerschaft habe der Landkreis fast 100 Millionen Euro in Neubau- und Erweiterungsmaßnahmen seiner Beruflichen Schulen investiert. Hinzu kämen die laufenden Ausgaben – allein in den zurückliegenden fünf Jahren mehr als 50 Millionen Euro. „Der Landkreis sorgt als Schulträger seit vier Jahrzehnten für eine angemessene räumliche Unterbringung der Schulen sowie für deren zeitgemäße Ausstattung“, stellte der Landrat fest. Der Landkreis tue dies in der festen Überzeugung, dass die Beruflichen Schulen eine mehrfache Bedeutung haben: „Erstens ermöglicht die miteinander verzahnte Ausbildung in Betrieb und Beruflicher Schule den fast 11.000 Schülern unserer Beruflichen Schulen eine qualifizierte Ausbildung, deren Qualität in den Betrieben bekannt ist und geschätzt wird: Die Absolventen haben gute Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Zweitens liefern die Beruflichen Schulen den Unternehmen gut ausgebildete Fachkräfte – angesichts des demografischen Wandels und des damit einhergehenden Fachkräftemangels werden die Beruflichen Schulen ein zunehmend wichtiger Faktor für Standortentscheidungen. Drittens tragen Investitionen in die beruflichen Schulen langfristig zur Entlastung des Kreishaushalts bei, weil gut ausgebildete Jugendliche seltener verhaltensauffällig werden, leichter Arbeit finden und auf diese Weise ein selbstständiges Leben ohne staatliche Unterstützung führen“, sagte der Chef der Kreisverwaltung.

 

Nach Landrat Haas sprachen Gastredner Dr. Herbert Müller, Präsident der IHK Region Stuttgart und Vorsitzender der Geschäftsführung der Ernst & Young GmbH Stuttgart, sowie BSZ-Schulleiter Stefan Ranzinger. Die Lehrerband des BSZ umrahmte den Programmteil musikalisch. Beim anschließenden Stehempfang stellten sich die Beruflichen Schulen des Landkreises vor.