Landrat Dr. Haas empfängt Gast im Kreishaus – Umweltstiftung NatureLife-International unterstützt Projektverknüpfung

Naturschützer Jesús Garzón berichtet über Wiederbelebung der Wanderweide auf Iberischer Halbinsel

Landrat Dr. Rainer Haas (rechts) empfing den spanischen Naturschützer Jesús Garzón im Kreishaus.
Landrat Dr. Rainer Haas (rechts) empfing den spanischen Naturschützer Jesús Garzón im Kreishaus.

Der Markgröninger Schäferlauf – eines der ältesten Volksfeste im Land – und das Naturschutzmanagement im Kreis Ludwigsburg findet nicht nur über die Städtepartnerschaft der Schäferlaufstadt mit Saint-Martin-de-Crau in Südfrankreich überregionales Interesse, sondern ist längst auch in spanischen Naturschutz- und Schäferkreisen bekannt geworden.

So informiert sich dieser Tage der vielfach ausgezeichnete spanische Naturschützer Jesús Garzón – Präsident der spanischen Naturschutzorganisation Trashumancia y Naturaleza – beim Markgröninger Schäferlauf über Sorgen und Nöte der heimischen Schäfer, die Ansätze des Landkreises, der Kommunen und des Landes zur Bewahrung der durch die Schäferei entstandenen Heideflächen und Magerrasen sowie gemeinsame Möglichkeiten, die Europäische Union von einer stärkeren Förderung landschafts­gerechter Schaf- und Ziegenhaltung und insbesondere der Wanderweide zu überzeugen.

Jesús Garzón, dessen Großvater mütterlicherseits Anfang des 20. Jahrhunderts aus Ludwigsburg auswanderte, gelang es vor zwanzig Jahren, durch die Benutzung der Cañadas – wie die uralten Wanderwege der Schäfer in Spanien heißen – mittelalterliches Gewohnheitsrecht in einer modernen Gesetzesregelung zu verankern und damit ein nahezu 400.000 Hektar umfassendes Netzwerk von meist 75 Meter breiten Wanderrouten zu sichern. Unterstützt wird er dabei seit über 20 Jahren von Claus-Peter Hutter, der als heutiger Präsident der Umweltstiftung NatureLife-International auch die Arbeit mit Materialien für die Umweltbildung und Naturerziehung in Spanien fördert.

Auf Einladung von Bürgermeister Rudolf Kürner und Landrat Dr. Rainer Haas besichtigte Jesús Garzón, dessen Vision es ist, überall auf der Welt die Hirtenkulturen wegen deren nachhaltigem Ansatz zur Nutzung unterschiedlicher Landschaften zu unterschiedlichen Zeiten zu fördern, am 22. August das Leistungshüten in Markgröningen und nutzte die Gelegenheit zur Diskussion mit den Schäfern. Am Freitagnachmittag berichtete er im Spitalkeller über seine Arbeit und die Bedeutung der Wanderschäferei in Spanien sowie die damit verbundene Sicherung der Winterquartiere für Millionen von Zugvögeln aus Mittel- und Nordeuropa. Angesichts des jetzt wieder beginnenden Vogelzugs erinnerte NatureLife-Präsident Claus-Peter Hutter zu Beginn der Veranstaltung daran, dass Natur keine Grenzen kennt und deshalb auch Umweltbewahrung und Nachhaltigkeitsengagement international angegangen werden müssen.

„Die Ursprünge der traditionellen spanischen Viehtriebwege sind wohl bis auf das Ende der Altsteinzeit zurückzuführen“, erzählte Jesús Garzón, einer der angesehensten Naturschützer Spaniens und Vater des Projekts zur Wiederbelebung der Transhumanz. Bis zu jener Zeit bildete der Südwesten der Iberischen Halbinsel nämlich das einzige großräumige, eisfreie Gebiet. Angesichts immer länger andauernder Dürreperioden im Sommer begann die Tierwelt, sich in nördlicher Richtung zu bewegen, wobei sie jedes Jahr weiter nach Norden vorstieß. Vor allem die Vögel – so vermutet Jesús Garzón – begaben sich in solche Regionen, die ähnliche klimatische Verhältnisse aufwiesen wie ihr seit Jahrhunderten angestammter südwestlicher Lebensraum.

Ein Beispiel dafür sind die Kraniche, die in Deutschland, Skandinavien und Polen brüten und den Winter alljährlich wieder in Spanien verbringen. Aber auch die prähistorischen wilden Pflanzenfresser wie Auerochse, Pferd, Hirsch und Steinbock suchten in Dürrezeiten die saftigen Weiden und Quellen im Norden der Iberischen Halbinsel auf, um im Herbst wieder in den Süden zurückzukehren. Ähnliche Tierwanderungen gibt es ja heute immer noch – etwa in Skandinavien, wo die großen Rentierherden weite Strecken zurücklegen, oder in Afrika, wo riesige Trupps von Gnus ergiebigere Nahrungsgründe aufsuchen. Die steinzeitlichen Jägergruppen folgten also den wandernden Tieren, ähnlich wie es heute noch die Rentierjäger in Skandinavien oder die Karibuhirten in Kanada und Alaska tun. Aus jener Zeit stammen die fantastischen Malereien der Cro-Magnon-Menschen in der Höhle bei Altamira im nordspanischen Kantabrien. Als sich die Menschen auf der Iberischen Halbinsel dann zunehmend zu sesshaften Viehhaltern entwickelten, folgten sie vermutlich weiter den alten Zugpfaden der Jäger und nutzten diese für das Weidevieh.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hielt sich dieses von Geografen „Transhumanz“ genannte System der Wanderweide. Das Ganze erinnert an eine Mischung aus der Almwirtschaft in den Alpen und den Wanderungen der Nomaden in der Sahara. Erstaunlich ist, dass sich die bedeutendsten Transhumanzwege mit den wichtigsten Routen des Vogelzugs in Spanien decken. Ein Beweis, dass Natur und Kultur sehr nahe beieinander liegen. Doch die auf einer Distanz von bis zu 700 Kilometern durchgeführten Viehtriebe gab es 50 Jahre lang nicht mehr, bis Jesús Garzón sich im Rahmen seines Projekts rund 1.000 Schafe ausgeliehen hatte, um mit Hirten – die die alte Tradition noch kannten – die langen Strecken zurückzulegen. Auf dem Rückweg ging es dann – wie auch heute noch – quer durch die spanische Hauptstadt Madrid, und bei der von zahlreichen Fernsehsendern aus der ganzen Welt beachteten Aktion entdeckten die Einwohner Madrids ihre alte Hirtenkultur wieder und stellten fest, dass mitten durch die Hauptstadt eine – nach altem königlichen Recht verbriefte – Fernwanderweide für Schafe und anderes Vieh existiert. Mit der Aktion gelang es, Flächen zu sichern, damit diese nicht als billige Baureserven für Straßen und Siedlungen oder als Müllplätze missbraucht werden können. „Damit würden unvergleichliche Lebensräume verschwinden und uralte Mobilität von Mensch und Natur verloren gehen“, berichtet Jesús Garzón.

Das ehrgeizige Projekt setzt nach den Worten von Claus-Peter Hutter in der Kombination von modernem Naturschutzlobbying und praktischen Maßnahmen an: Durch die Wiederbenutzung der Wanderweiden werden nicht nur Lebens- und Kulturräume vernetzt, sondern auch Umweltbeeinträchtigungen erkannt und alte Traditionen wiederbelebt. Die Wiederentdeckung der spanischen Hirtenkultur soll zugleich eine ökologisch-ökonomische Alternative zur oftmals verfehlten Agrar-Intensivwirtschaft bieten, die vor allem in der Extremadura oftmals nur Spekulanten begünstigte und durch die Veränderung der zuvor nur extensiv genutzten Landschaft verheerende Folgen für Natur und Menschen brachte. 22.8.2014