Demographieforum im Kreishaus beschäftigt sich mit medizinischer Versorgung

Landrat Dr. Haas: "Die Herausforderungen des demographischen Wandels können wir nur gemeinsam mit Städten, Kommunen und freien Trägern meistern"

Als erstes referierte Dr. Thomas Schönauer, Dezernent für Gesundheit und Verbraucherschutz beim Landratsamt, über die Krankheitsentwicklungen im Alter. "In Baden-Württemberg haben wir eine auch im europaweiten Vergleich gesunde Bevölkerung mit einer der höchsten Lebenserwartungen. Lag die Lebenserwartung für ein neugeborenes Mädchen Anfang der 70er Jahre noch bei 74,5 Jahren, so sind es derzeit bereits 83,8 Jahre. Die Werte für Jungen sind im selben Zeitraum von 68,5 Jahren auf 78,6 Jahre gestiegen. Das Durchschnittsalter in Baden-Württemberg wird sich von heute 42,5 Jahren bis 2050 auf 49,5 Jahre erhöhen." Grundsätzlich sei zu begrüßen, dass die Menschen immer älter würden. Die Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung belasteten jedoch die Sozialsysteme, weil man nicht davon ausgehen könne, dass sich bei steigender Lebenserwartung der Eintritt chronischer Krankheiten einfach nach hinten verschiebe. "Ein möglichst guter Gesundheitszustand der Bevölkerung ist daher die Antwort auf die Herausforderungen des demographischen Wandels. Dementsprechend setzt die Gesundheitsstrategie des Landes Baden-Württemberg vor allem auf Prävention und Gesundheitsförderung", erläuterte Schönauer, der darauf hinwies, dass das 3. Demographieforum zugleich den Auftakt zu einer Reihe Kommunaler Gesundheitskonferenzen im Landkreis markiert.

Über die künftige medizinische Versorgung im Spannungsfeld zwischen ethischer Verpflichtung und ökonomischem Zwang sprach Prof. Dr. Georg Marckmann, Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Unter der Überschrift "Was können und sollen wir uns noch leisten?" beschäftigte er sich mit der Problematik eines künftig steigenden Behandlungs- und Pflegebedarfs bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen. Effizienzsteigerungen seien nur in begrenztem Umfang möglich, weil die medizinische Versorgung sehr personalintensiv ist. Auch eine Erhöhung der Mittel im Gesundheitswesen durch steigende Beiträge sei keine dauerhafte Lösung. Vielmehr, so Marckmann, komme es darauf an, den Bedarf durch Mittelumschichtungen zu decken: "Leistungseinschränkungen sind ethisch vertretbar bei Maßnahmen mit geringem Nutzengewinn bei vergleichsweise hohen Zusatzkosten - sofern eine kostengünstige Alternative besteht." Außerdem helfe eine klinische Ethikberatung bei Schwerkranken, Behandlung und Patientenwünsche am Lebensende besser aufeinander abzustimmen. Sie spare zudem Kosten.

Ansätze zur künftigen stationären medizinischen Versorgung im Landkreis stellte im Anschluss Dr. Andrea Grebe vor, medizinische Geschäftsführerin der Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim gGmbH und der Regionalen Klinik Holding RKH GmbH. "Die Geriatrisierung ist in unseren Häusern in allen Bereichen spürbar", so Grebe, die darauf hinwies, dass in der Unfallhilfe bereits heute Schenkelhalsbruch - der besonders häufig bei älteren Menschen auftritt - die häufigste Diagnose sei. Kliniken seien ein wichtiger Teil der kommunalen Infrastruktur, sie seien Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber. "In Zeiten von Ökonomisierung, Privatisierung, Rationalisierung, steigenden Qualitätsanforderungen und immer anspruchsvolleren, besser informierten Patienten stehen die Kliniken im Kreis in einem harten Wettbewerb." Zu den Strategien für die Zukunft gehörten eine stärkere Vernetzung im ambulant-stationären Bereich zum Beispiel durch Arzthäuser, Angebote für pflegende Angehörige oder eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Dr. Peter Steiner, kaufmännischer Geschäftsführer der Regionalen Kliniken Holding RKH GmbH und ihrer Töchter, sprach über die jüngsten Entwicklungen in der Krankenhausfinanzierung: Unter anderem durch die Auswirkungen des Finanzierungsgesetzes für die Gesetzlichen Krankenversicherungen seien den Kliniken massive finanzielle Nachteile entstanden, weil die Einnahmen die Kosten nicht einmal annähernd deckten, die Häuser aber verpflichtet seien, nach wie vor alle Leistungen anzubieten. "Weiter sparen und die Produktivität steigern können wir unter diesen Voraussetzungen nur zu Lasten des Personals", sagte Steiner, der darauf hinwies, dass gerae die kleinen Kliniken wichtig sind für ein gutes Versorungsniveau in der Fläche und die Notfallversorgung.

Als letzter Redner des Abends erläuterte der Vorsitzende der Ludwigsburger Ärzteschaft, Dr. Michael Friederich, die Zukunft der kassenärztlichen Versorgung im Landkreis. "Im Jahr 2020 wird es bundesweit insgesamt 7000 Hausärzte weniger geben als 2010." Um die Versorung zu sichern, gelte es auch, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Ärztinnen zu verbessern - denn der Großteil der heutigen Medizinstudenten sei weiblich und nicht bereit, für den Beruf auf eine Familie zu verzichten. Es müsse daher gelingen, beides zu ermöglichen, um gut ausgebildete Kräfte im Hausarztbereich zu halten.

In der sich anschließenden angeregten Diskussion mit den Teilnehmern des Demographieforums ging es unter anderem um Gesundheitserziehung an Schulen, die Zukunft des gesetzlichen und privaten Krankenhauswesens in Deutschland, Sparmöglichkeiten bei der Verschreibung von Medikamenten sowie die Spannung zwischen dem legitimen individuellen Wunsch nach Gesundheit, für den die Kosten der Behandlung zweitrangig sind, und dem kollektiven Zwang zu wirtschaftlichem Handeln auch im Gesundheitswesen.