Demografieforum mit Diskussion zu "Raumplanung und Flächennutzung" im Kreishaus

Landrat Dr. Haas: "Wir müssen verantwortungsvoller mit den Flächen umgehen, um einen attraktiven Landkreis zu erhalten" – Referenten sind sich einig, dass eine verstärkte Innenentwicklung notwendig ist

Auf dem Podium (von links): Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg, Landrat Dr. Rainer Haas, Prof. Dr. Alfred Ruther-Mehlis vom Institut für Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Thomas Kiwitt, Leitender Direktor für Planung beim Verband Region Stuttgart, und Prof. Dr. Richard Reschl, der an der Hochschule für Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg lehrt
Auf dem Podium (von links): Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg, Landrat Dr. Rainer Haas, Prof. Dr. Alfred Ruther-Mehlis vom Institut für Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Thomas Kiwitt, Leitender Direktor für Planung beim Verband Region Stuttgart, und Prof. Dr. Richard Reschl, der an der Hochschule für Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg lehrt

Mit einer Veranstaltung zum Thema „Konsequenzen des demografischen Wandels für Raumplanung und Flächennutzung“ hat der Landkreis kürzlich die Reihe seiner Demografieforen fortgesetzt. Zu Gast waren Prof. Dr. Alfred Ruther-Mehlis von der Hochschule Nürtingen-Geislingen, Thomas Kiwitt vom Verband Region Stuttgart und Claus-Peter Hutter von der Umweltakademie Baden-Württemberg. Die Moderation übernahm der Stadtsoziologe und Stadtplaner Prof. Dr. Richard Reschl, der an der Hochschule für Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg (HVF) lehrt. Mehr als 200 Besucher kamen ins Kreishaus, um die Referate der Experten zu hören und sich an der Diskussion zu beteiligen. Die Fachleute und Gäste waren sich weitgehend einig, dass gerade in unserem hochverdichteten Landkreis auf einen sorgfältigen Umgang mit Flächen geachtet werden müsse. Nach den Referaten entwickelte sich eine lebhafte und fachlich fundierte Diskussion. Eine Dokumentation über das Demografieforum wird von Studierenden der HVF unter Federführung der Professoren Helmut Hopp und Rudolf Jourdan erstellt.

Der Landkreis Ludwigsburg beschäftigt sich seit Jahren mit den Herausforderungen des demografischen Wandels. Beim fünften Demografieforum am Donnerstag ging es um die Raumplanung und den Flächenverbrauch. Landrat Dr. Rainer Haas bekräftigte in diesem Zusammenhang seine in letzter Zeit mehrmals geäußerte Meinung: „Wir müssen noch verantwortungsvoller mit den Flächen umgehen, um einen attraktiven Landkreis zu erhalten. Momentan nimmt der Bedarf an Wohnraum und Gewerbeflächen noch stetig zu, doch der Landkreis wächst nicht mit!“, sagte er zur Begrüßung der Teilnehmer. „Auch bei uns wird die Bevölkerung auf lange Sicht weniger werden – und dann muss man alle Flächen, die jetzt versiegelt werden, weiter unterhalten.“ Der Chef der Kreisverwaltung wies darauf hin, dass ihm die Raumplanung im Landkreis eine Herzensangelegenheit sei – und appellierte an die Entscheidungsträger, also die Gemeinden und den Verband Region Stuttgart, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. „Das immer höhere Verkehrsaufkommen bringt die Infrastruktur im Landkreis schon jetzt an den Rand ihrer Kapazität“, sagte er. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, leidet der Naherholungsraum – neben der Wirtschaft ein sehr wichtiger Standortfaktor für die Attraktivität unseres Landkreises“, fürchtet Haas. „Niemand will eine Käseglocke über den Landkreis stülpen. Aber weitsichtige Lösungen zum Eindämmen des Flächenverbrauchs sind unverzichtbar und dringend. Daher bin ich sehr froh, dass das Thema endlich öffentlich diskutiert wird“, schloss er seine Begrüßung.

Prof. Dr. Alfred Ruther-Mehlis vom Institut für Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen sprach über Aspekte, die einen Stadtplaner im Hinblick auf den demografischen Wandel beschäftigen. Er ging dabei auf eine verstärkte Innenentwicklung ein und stellte Konzepte wie interkommunale Wohn- und Gewerbegebiete vor, die wesentlich zum Einsparen von Flächen beitragen können. Zudem stelle die Überalterung der Gesellschaft neue Ansprüche an die Wohnraumplanung, so der Experte. Die Tatsache, dass der „Raumbedarf pro Kopf“ in den vergangenen Jahren stetig zunahm, bewirke, dass man trotz der abnehmenden Personenzahl einen steigenden Flächenverbrauch hat. Er zeigte Konzepte auf, dem entgegenzuwirken. Sein Fazit: Der demografische Wandel führt langfristig zu einer Veränderung der bisherigen Siedlungsstruktur und setzt ein aktives Flächenmanagement voraus. Doch auch für die Wirtschaft gelte: Gewerbeentwicklung und gleichzeitiges Flächensparen sind möglich.

Thomas Kiwitt, Leitender Direktor für Planung beim Verband Region Stuttgart, erläuterte Gedanken zur Regionalplanung vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft. Er zeigte auf, wie stark die Bevölkerung in der Region Stuttgart in den letzten fünfzig Jahren gewachsen ist, und stellte klar, dass es notwendig sei, den raschen Flächenverbrauch in der Region Stuttgart durch verstärkte Innenentwicklung und raumverträgliche Gewerbeansiedlungen zu verlangsamen. Seine anspruchsvollste Aufgabe, so Kiwitt, sei es, die wirtschaftliche Attraktivität der Region zu erhalten und zugleich die negativen Folgen, die in diesem Zusammenhang für die Naturlandschaft zwangsläufig entstehen – beispielsweise ein Mehrbedarf an Wohnraum und eine übergroße Verkehrsdichte –, einzugrenzen. Ein wichtiger Punkt sei hier, so der Regionalplaner, Gewerbestandorte am Wohnort zu schaffen, damit das Verkehrsaufkommen reduziert werden könne. Er wies darauf hin, dass im Landkreis Ludwigsburg viele Pendler wohnen. Mit Zahlen belegte er, dass der Landkreis Ludwigsburg in der Region Stuttgart den größten Bevölkerungszuwachs bei zugleich geringster Inanspruchnahme von Flächen habe.

Claus-Peter Hutter von der Umweltakademie Baden-Württemberg schließlich ging der Frage nach, wie weit der Flächenfraß noch gehen solle und wer Verantwortung dafür übernimmt. Er positionierte sich deutlich, dass sich ein weiterer Flächenverbrauch in dem bisherigen Ausmaß negativ auf den Standort Region Stuttgart auswirken und so ganz von selbst zu einem Wegzug vieler Bürger führen würde. Anschaulich zeigte er Beispiele von bereits verschwundenen Vogelarten und verbauter Landschaft und verwies auf verschiedene politische Positionen, die sich das Flächensparen schon lange zum Programm gemacht haben – allerdings gebe es bisher kein wahrnehmbares Ergebnis. Sein Fazit: Unsere schöne Landschaft ist unser wichtigstes Kapital. Wir sollten damit nicht leichtfertig umgehen. Hutter appellierte an die anwesenden Bürgermeister und Kommunalpolitiker, das Nachhaltigkeitsziel im Auge zu behalten und die weitere Versiegelung wertvoller Böden genau zu bedenken.

Nach den Impulsreferaten kam eine rege Diskussion zwischen den Referenten und den Besuchern der Veranstaltung zustande. Es ging unter anderem um die Ausweisung neuer Gewerbegebiete, die Rolle des Verbands Region Stuttgart und der Landespolitik beim Thema Flächenverbrauch, die Schaffung von Wohnraum bei gleichzeitiger Vermeidung einer übermäßigen Flächeninanspruchnahme sowie um die Verantwortung der Städte und Gemeinden, hier gemeinsame Konzepte zu erarbeiten. Auch die zahlreich anwesenden Bürgermeister der Landkreisgemeinden hatten Gelegenheit, ihre Positionen darzulegen. Ein Fazit aus der vielschichtigen Diskussion und den differenzierten Beiträgen war, dass über das Thema künftig vielschichtiger beraten werde müsse und dagegen das bisher vorherrschende „Schwarz-Weiß-Denken“ sowie die „Kirchturmpolitik“ eher in den Hintergrund treten sollten. Alle Beteiligten waren sich einig, dass künftige Flächeninanspruchnahmen kritisch geprüft werden müssen. Der Landrat zeigte sich am Ende zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung und sprach von einer „Zielerreichung von 100 Prozent“: Ihm sei es vor allem wichtig, die Diskussion zu diesem Thema voranzubringen, so Haas. Zur Bildergalerie. 24.2.2014