Demografieforum „Herausforderungen in der Pflege“ im Kreishaus:

Pflege wird zunehmend eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und fordert Lösungen von Politik, Kommunen und Arbeitgebern

Von links: Moderator Jo Frühwirth, Landrat Dr. Rainer Haas, Prof. Dr. Dr. h. c. Andreas Kruse, Institutsdirektor für Gerontologie an der Universität Heidelberg und verantwortlicher Autor der Altenberichte der Bundesregierung, Michaela Noé-Bertram, Leiterin der Mitarbeiterberatung bei der Robert Bosch GmbH, und Walter Lees, früherer Geschäftsführer der Kleeblatt Pflegeheime im Kreis Ludwigsburg.
Von links: Moderator Jo Frühwirth, Landrat Dr. Rainer Haas, Prof. Dr. Dr. h. c. Andreas Kruse, Institutsdirektor für Gerontologie an der Universität Heidelberg und verantwortlicher Autor der Altenberichte der Bundesregierung, Michaela Noé-Bertram, Leiterin der Mitarbeiterberatung bei der Robert Bosch GmbH, und Walter Lees, früherer Geschäftsführer der Kleeblatt Pflegeheime im Kreis Ludwigsburg.

Mit einer Veranstaltung zum Thema „Herausforderungen in der Pflege“ hat der Landkreis kürzlich die Reihe seiner Demografieforen fortgesetzt. Zu Gast waren Prof. Dr. Dr. h. c. Andreas Kruse, Institutsdirektor für Gerontologie an der Universität Heidelberg und verantwortlicher Autor der Altenberichte der Bundesregierung, Walter Lees, früherer Geschäftsführer der Kleeblatt Pflegeheime im Kreis Ludwigsburg, und Michaela Noé-Bertram, Leiterin der Mitarbeiterberatung bei der Robert Bosch GmbH. Moderiert wurde die Veranstaltung von Jo Frühwirth, Journalist, Moderator und Coach aus Schwäbisch Gmünd. Rund 200 Besucher kamen ins Kreishaus, um das Podiumsgespräch zu verfolgen und selbst Fragen an die Referenten zu richten. Die Experten waren sich einig, dass die Pflege vor dem Hintergrund des demografischen Wandels zunehmend eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe werde und Lösungen von Politik, Kommunen und Arbeitgebern fordere – beispielsweise, wie ältere Menschen möglichst lange im gewohnten Umfeld leben können, auch wenn sie pflegebedürftig werden, oder wie Arbeitgeber ihre Mitarbeiter unterstützen können, die Angehörige pflegen.

 

Der Landkreis Ludwigsburg beschäftigt sich seit Jahren mit den Herausforderungen des demografischen Wandels. Beim nunmehr achten Demografieforum ging es um die Herausforderungen in der Pflege und die Rolle von Politik, Kommunen und Arbeitgebern. Dabei standen Fragen im Mittelpunkt, wie die Situation der Pflege in Deutschland und im Kreis Ludwigsburg aktuell und perspektivisch ist, welchen Anteil Angehörige an der Pflege von älteren Menschen haben und wie es gelingen kann, Menschen auch bei Pflegebedürftigkeit im gewohnten Umfeld zu belassen.

 

Wie Landrat Dr. Rainer Haas in seiner Begrüßung aufzeigte, ist die Pflege eines der großen Zukunftsthemen in der Kreispolitik. Erst kürzlich habe der Kreistag beschlossen, die Kurzzeitpflege auszubauen, um gerade pflegenden Angehörigen – die nach wie vor der „größte Pflegedienst unserer Gesellschaft“ sind – nötige Auszeiten zur Regeneration zu ermöglichen. Er sehe, so der Chef der Kreisverwaltung, die Veranstaltung als Auftakt und Anstoß für weitere Diskussionen und Entscheidungen im Bereich Gesundheit und Pflege, etwa die Neuausrichtung des Marbacher Krankenhauses und den Ausbau der Pflegestrukturen. Exemplarisch für den demografischen Wandel und die älter werdende Gesellschaft sagte der Landrat: „Ich habe stets die Ehre, Glückwunschschreiben zu hohen Geburtstagen zu versenden. Früher war es die große Ausnahme, wenn einmal eine 100-jährige Jubilarin dabei war. Dies hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark gewandelt: Heute ist es erfreulicherweise beinahe die Regel, dass Über-100-Jährige bei den Glückwünschen dabei sind – und darunter immer wieder auch ein Herr. Dies verdeutlicht die Herausforderungen, vor denen wir im Pflegebereich stehen: Ab etwa 85 Jahren steigt das Risiko stark an, pflegebedürftig zu werden. Und da der Anteil der Hochbetagten in unserer Gesellschaft kontinuierlich zunimmt, müssen wir uns schon heute mit der Anpassung der Pflegestrukturen an diese gesellschaftliche Entwicklung befassen.“

 

Prof. Dr. Dr. h. c. Andreas Kruse nannte zunächst Zahlen: Etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen würden zuhause durch Angehörige gepflegt. Bis 2030 würden in Deutschland etwa 150.000 stationäre Pflegeplätze fehlen. Nun müsse man sich fragen, wie man die Strukturen verändern könne, um diesen Zahlen zu begegnen. „Hinzu kommen gesellschaftliche Trends, etwa, dass es schon zahlenmäßig weniger Kinder gibt, die die Pflege der Alten übernehmen könnten, und diese oft nicht mehr in der Nähe wohnen oder beruflich so eingespannt sind – und wirtschaftlich auch benötigt werden –, dass sie die Pflege von Angehörigen nicht in Vollzeit leisten können.“ Kruse plädiert daher für einen Ansatz der Solidarität zwischen den Generationen und für den Aufbau sogenannter sorgender Gemeinschaften. Seiner Ansicht nach ist die Entwicklung der Pflege auch eine Chance für die Demokratie: Wenn eine Gesellschaft die Hilfebedürftigkeit der Alten annimmt und dennoch den Beitrag sieht, den diese Bevölkerungsgruppe zur Gemeinschaft nach wie vor leisten kann, und nur wenn sie umgekehrt durch ehrenamtliches Engagement und Einbeziehung die Teilhabe von Pflegebedürftigen an der Gesellschaft sichert, kann das Gemeinwohl insgesamt gestärkt werden. „Es gilt meist mehrere Aspekte zu beachten: Ältere Menschen leben oft zuhause, was das Leitbild eines möglichst langen Lebens in der gewohnten Umgebung erfüllt. Allerdings leben sie dort oft sehr isoliert, was das Leitbild von sozialer Integration und Sozialkontakten nicht erfüllt. Ebenso wichtig wie die Selbstständigkeit ist für ältere Menschen aber die soziale Teilhabe. Das ist ein zentrales Thema von Lebensqualität“, führte Kruse weiter aus und gab damit ein Beispiel, dass es keine allgemeingültigen Lösungen geben könne. Mit sozialer Teilhabe sei auch die Unterstützung von pflegenden Angehörigen durch Freunde und Nachbarschaft gemeint, so Kruse weiter. Es gehe daher in erster Linie um die Änderung der gesellschaftlichen Haltung, damit Pflege „gesellschaftsfähig“ und als Thema angenommen werde. Er plädierte auch für die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements und für eine stärkere Zusammenarbeit von Kommunen, Arbeitgebern und Pflegekassen.

 

Dies bestätigte auch Walter Lees, früherer Geschäftsführer der Kleeblatt Pflegeheime im Kreis Ludwigsburg, der durch den Aufbau dieser Strukturen ein „Pionier im Pflegebereich“ gewesen sei, wie Moderator Jo Frühwirth ihn bezeichnete. Lees ging auf die Widerstände zu Gründungszeiten der Kleeblatt-Heime ein. „Die Menschen möchten auch im Alter dazugehören und gebraucht werden, sie möchten an ihrem Wohnort bleiben. In einer kleinen Gemeinde braucht man aber kein 100-Betten-Haus, das erst in dieser Größenordnung wirtschaftlich rentabel ist“, sagte er. Daher sei es Ziel der Kleeblatt-Heime gewesen, die Bedarfe vor Ort genau zu betrachten und möglichst Heime zu bauen, die auch betreute Wohnungen, einen Kindergarten oder eine Bücherei umfassten, so dass die dort betreuten Pflegebedürftigen weiterhin Teil der Gesellschaft bleiben. Kruse lobte diesen Ansatz: „Wenn sich solche Konzepte weiter durchsetzen würden, würde es die strenge Trennung zwischen ambulanter und stationärer Pflege bald nicht mehr geben.“ Lees gab zu bedenken, dass Kurzzeitpflege unverzichtbar, aber mit dem momentan vorhandenen Modell nicht zu bezahlen sei. Er forderte hier eine Unterstützung durch Steuergelder und sieht die politisch Verantwortlichen in der Pflicht. An dieser Stelle ergänzte Kruse, dass aufgrund der älter werdenden Gesellschaft immer mehr Patienten zwischen einem Klinik- und Reha-Aufenthalt in die Kurzzeitpflege kämen. Er wies darauf hin, dass Konzepte daher die Themen Kurzzeitpflege und Pflege immer in Verbindung mit Reha-Angeboten sehen und möglichst gemeinsam etablieren sollten.

 

Michaela Noé-Bertram von der Robert Bosch GmbH schließlich ging auf Bedürfnisse von Mitarbeitern ein, die zuhause Angehörige pflegen. Sie berichtete, dass Mitarbeiter oft Angst vor einem Karriereeinbruch aufgrund der häuslichen Pflegesituation hätten. Ihr Unternehmen hätte das Thema deshalb früh auch auf Ebene der Abteilungsleiter platziert, um Mitarbeitern diese Angst zu nehmen und Unterstützungsangebote zu unterbreiten. „Am wichtigsten sind Netzwerke, aus Beratungsstellen, Dienstleistern und so weiter. Wir haben über die letzten 15 Jahre ein Wissensportal zum Thema Pflege aufgebaut, bei dem Mitarbeiter erste Informationen zu den Angeboten einholen können, bevor sie das Thema im Mitarbeitergespräch platzieren“, erläuterte sie. Nachdem die Bosch-Mitarbeiter oft weltweit unterwegs sind, stelle sich auch die Frage der Organisation von Pflege auf Distanz und die Beratung bei familiären Konfliktsituationen, die aufgrund der Pflegebedürftigkeit entstehen können. Hier ergänzte Lees, dass es bei den Kleeblatt-Heimen Fördervereine gebe, die sich in solchen Fällen um Menschen kümmern, deren Kinder weit entfernt wohnten oder beruflich stark eingespannt seien. Noé-Bertram erklärte, dass bei Bosch die Vernetzung von unterschiedlichen Fachdiensten als Fürsorge für die Mitarbeiter verstanden werden könne. Der beauftragte Dienstleister eruiere bereits im Vorfeld, welche Möglichkeiten zur Pflege sich im Einzelfall eignen könnten. Unabhängig davon gibt es bei Bosch verschiedenen Modelle: Mitarbeiter können von zehn Tagen bis zu drei Jahren für die Pflege von Angehörigen beurlaubt werden, ohne dass sie dadurch ihre berufliche Position aufgeben müssten.

 

In der abschließenden Bürgerdiskussion gab es einige Wortmeldungen. Unter anderem ging es dabei um den Mangel an Pflegekräften, die schwierigen Arbeitsbedingungen und die unzureichenden Verdienstmöglichkeiten von Pflegekräften – wobei zu bedenken sei, dass eine bessere Bezahlung von Pflegekräften die Sätze für stationäre Pflege und die Selbstbeteiligung anheben würden. Hier müsste über eine tragfähige Finanzierung nachgedacht werden, eventuell aus Steuergeldern. Auch ging es um den Anteil der Einschränkungen im Bereich der stationären Pflege: Früher habe das Verhältnis zwischen körperlichen und kognitiven Einschränkungen (Demenz) etwa 70 zu 30 Prozent betragen, heute sei der Anteil genau umgekehrt, was zu einem höheren Aufwand in der Pflege führe. Schwierig sei auch, dass Kommunen und Kreise es seien, die die Entwicklung der Pflege gestalten müssten. Sie bekämen grundsätzlich vom Bund immer mehr Aufgaben übertragen, ohne dafür jedoch auch ausreichend Finanzmittel zu erhalten. Auch ging es um die Abschaffung der Wehrpflicht und damit verbunden des Ersatz- und Zivildienstes, womit personelle Engpässe im Pflegebereich einhergingen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Idee von verpflichtenden Sozialpraktika für Auszubildende in Wirtschaftsbetrieben angesprochen. Als beste Prävention zur Vermeidung einer Demenzerkrankung nannte Kruse abschließend eine lebenslange Bildung und Aktivität. Dadurch würden die neuronalen Netzwerke des Gehirns so geschult, dass eine Demenz sehr viel länger brauche, bis sie symptomatisch zum Vorschein komme. Zudem nannte er als größten Risikofaktor für psychische Erkrankungen die soziale Isolation. Zur Bildergalerie. 1.3.2018