Demografieforum „Grüne Freiräume im Ballungsraum“ im Ludwigsburger Kreishaus:

Landrat Dr. Haas: „Grüne Freiräume und deren verkehrliche Anbindung werden in der Zukunft an Bedeutung gewinnen“ – Referenten zeigen Verbindung zum demografischen Wandel

Von links: Prof. Dr. Wolfgang Ernst, Dr. Elsa Nickel, Landrat Dr. Rainer Haas, Wilfried Hajek, Peter Geitz und Hans Schmid.
Von links: Prof. Dr. Wolfgang Ernst, Dr. Elsa Nickel, Landrat Dr. Rainer Haas, Wilfried Hajek, Peter Geitz und Hans Schmid.

Mit einer Veranstaltung zum Thema „Grüne Freiräume im Ballungsraum“ hat der Landkreis kürzlich die Reihe seiner Demografieforen fortgesetzt. Zu Gast waren Dr. Elsa Nickel vom Bundesumweltministerium, Wilfried Hajek, Baubürgermeister in Heilbronn, Landschaftsarchitekt Peter Geitz aus Stuttgart sowie Prof. Dr. Wolfgang Ernst, Rektor der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen (HVF) in Ludwigsburg. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Kreisrat und früheren Ludwigsburger Baubürgermeister Hans Schmid, der aktuell Geschäftsführer einer Projektentwicklungs-Gesellschaft ist. Gut 80 Besucher kamen ins Kreishaus, um die Impulsvorträge der Referenten zu hören und sich an der Diskussion zu beteiligen. Die Fachleute waren sich einig, dass der Spagat zwischen einer verdichteten Innenentwicklung aufgrund steigender Einwohnerzahlen einerseits und der Schaffung sowie Erhaltung von Naherholungsflächen und Grünräumen andererseits immer schwieriger wird. Eine Dokumentation des Demografieforums wird von Studierenden der HVF unter Federführung von Prof. Dr. Helmut Hopp erstellt.

Der Landkreis Ludwigsburg beschäftigt sich seit Jahren mit den Herausforderungen des demografischen Wandels. Beim siebten Demografieforum ging es um die Bedeutung von Naherholung und Landschaftsschutz für eine älter werdende Gesellschaft in hoch verdichteten Gebieten. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, welche Entwicklung politisch gewollt ist und welche Möglichkeiten sich für Stadt- und Landschaftsplaner bieten, diese Ideen umzusetzen.

Landrat Dr. Rainer Haas zeigte in seiner Begrüßung auf, wie stark der Landkreis Ludwigsburg in den letzten Jahren entgegen aller Prognosen gewachsen ist, von 484.000 Einwohnern im Jahr 1996 auf aktuell mehr als 534.000, Tendenz steigend.  Bei dieser hohen Bevölkerungsdichte seien auch die Erholungsräume ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität. Haas bekräftigte: „Wir müssen verantwortungsvoller mit den Flächen umgehen, um einen attraktiven Landkreis zu erhalten. Grüne Freiräume und deren verkehrliche Anbindung werden in der Zukunft an Bedeutung gewinnen.“ Er appellierte, dass Entwicklungsmöglichkeiten intelligent gestaltet und vor der Umsetzung von Projekten Kriterien erstellt werden müssten, um herauszufinden, an welcher Stelle eine Innenverdichtung sinnvoll wäre. Dabei erwähnte er drei Punkte, die für die Verwaltung wichtig seien: 1. Der sorgfältige Umgang mit Freiflächen. 2. Die mögliche Gestaltung von Flächen und ihre öffentliche Wahrnehmung sowie Einbindung in den Bestand und 3. Die Verkehrsanbindung dieser Flächen. Er freue sich, so der Landrat, dass mit dieser Veranstaltung an das Thema „Raumplanung und Flächennutzung“ vor zwei Jahren angeknüpft werden könne.

Dr. Elsa Nickel, Leiterin der Abteilung Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung beim Bundesumweltministerium, wies darauf hin, dass zeitgleich die UN-Siedlungskonferenz in Quito/Ecuador zu Ende gegangen sei, bei der Richtlinien für eine nachhaltige Entwicklung von Städten erarbeitet wurden. Sie selbst stellte Initiativen der Bundesregierung für mehr urbanes Grün und Stadtnatur vor. In ihrem Impulsvortrag wies Nickel eingangs darauf hin, dass die Städte und Gemeinden die entscheidenden Akteure seien, um diese Richtlinien umzusetzen, und verwies auf eine Studie des Bundesumweltministeriums. Diese ergab, dass mehr als 90 Prozent der Bürger finden, dass Natur in Städten allen Menschen zugänglich sein sollte. Gerade einkommensschwächere Personen, die nicht individuell weite Strecken zurücklegen können, um „ins Grüne“ zu gelangen, halten eine gute Zugänglichkeit der Stadtnatur für notwendig. Nickel konkludierte, dass der Zugang zum Stadtgrün damit auch zu einem Aspekt der sozialen und gesellschaftlichen Gerechtigkeit werde. Dabei sei hervorzuheben, dass Natur und Landschaft auch einen ökonomischen Wert hätten und durch eine Verbesserung der Luftqualität, des Lärmschutzes und des Stadtklimas zu den weichen Standortfaktoren zählten. Sie verwies auf das „Grünbuch Stadtgrün“ des Bundesumweltministeriums sowie auf das Projekt „Naturkapital Deutschland“, die den Kommunen konkrete Handlungsempfehlungen für mehr urbane Grünräume geben. Hierbei gehe es auch um die Vernetzung von Grünräumen und deren generationenübergreifende Gestaltung.

Baubürgermeister Wilfried Hajek aus Heilbronn nahm sich des scheinbaren Widerspruchs zwischen Freiraum und Verdichtung an. Er verwies darauf, dass Heilbronn im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde. Diese Zerstörung sei der Grund für viele Grünräume in der Stadt: Die Pflanzen waren das Erste, was in den Nachkriegsjahren wieder wuchs. Fast die gesamte Fläche Heilbronns sei heute belegt. Daher könne man Revitalisierung nur durch eine verstärkte Innenentwicklung erreichen. Dies belegte Hajek anhand zahlreicher Projektbeispiele aus Heilbronns jüngster Entwicklung. Auch ging er auf die Bedeutung der Stadtbahn ein, die ein wichtiges verkehrspolitisches Instrument sei, nachdem der Bau weiterer Straßen aufgrund mangelnder Flächenreserven nicht möglich sei.

Peter Geitz, Landschaftsarchitekt mit eigenem Büro in Stuttgart-Möhringen, stellte konkrete Grünflächenprojekte in der Region Stuttgart vor. Hinsichtlich des demografischen Wandels wies er darauf hin, dass Senioren heutzutage andere Ansprüche an ihr Umfeld hätten als früher: Es gehe um Lebensqualität, Erholung, sportliche Betätigung und gute Infrastruktur. Hierzu zählten auch höhere Ansprüche an die Naturräume, beispielsweise ein bequemer und schneller Zugang sowie eine attraktive Gestaltung mit Einkehrmöglichkeiten. Ein besonderes Augenmerk legt das Büro Geitz auf die Gestaltung von Gewässern – diese würden vielfältige Funktionen erfüllen und sollten allen Generationen zugänglich sein. Auch Geitz brachte zahlreiche Beispiele für die Umgestaltung solcher Grünräume. Er betonte, dass gerade die Verknüpfung der Flächen ausschlaggebend dafür sei, wie sie von der Bevölkerung angenommen würden, und verwies ebenfalls auf die Bedeutung von Erholungsräumen für die städtische Lebensqualität.

Zum Abschluss der Impulsreferate beleuchtete Prof. Dr. Wolfgang Ernst, Rektor der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen, in einem Exkurs die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Ausbildung und Arbeitsfeld der Verwaltung. Er stellte die jüngsten Prognosen zur Einwohnerentwicklung vor, wonach der Landkreis Ludwigsburg in den nächsten Jahren zunächst weiter stark wachse und erst etwa 2060 nach einem Rückgang wieder den Wert von heute erreiche. Die weiteren „demografischen Fakten“ resümierte er mit den Worten: „Wir werden älter und bunter“, womit gemeint ist, dass das Durchschnittsalter weiter ansteige, der Anteil ausländischer Bevölkerung zunehme und die niedrige Geburtenrate dazu führe, dass mehr Personen in Rente gehen als in das Schulsystem nachrücken. Dies habe einen Mangel an Fachkräften zur Folge – die Konkurrenz der Arbeitgeber um die besten Mitarbeiter nehme zu. Hier heiße es, sich in Bezug auf Aufstiegsmöglichkeiten, finanzielle Anreize, Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärker zu positionieren. Nicht zuletzt, so Ernst, seien Systeme notwendig, um dem drohenden Wissensverlust durch das altersbedingte Ausscheiden vieler Mitarbeiter zu begegnen, beispielsweise durch die Erfassung von Arbeitsprozessen und Informationen. Auch die HVF Ludwigsburg trage diesen geänderten Anforderungen Rechnung, etwa durch neue Studienvertiefungsschwerpunkte.

In der abschließenden Bürgerdiskussion, die sich an die Impulsreferate anschloss, gab es einige fachkundige Wortmeldungen. Unter anderem ging es um die Schwierigkeit, zusätzliche Siedlungsflächen bei gleichzeitiger Eindämmung des Flächenverbrauchs zu entwickeln. Außerdem wurde nach Möglichkeiten gefragt, neue Grünräume zu schaffen und diese interdisziplinär zu nutzen. Ferner wurde diskutiert, ob erlebbare Grünräume auch in Natur- und Landschaftsschutzgebieten gestaltet werden können. Darüber hinaus kamen die Interessen der Grundbesitzer, der Umgang mit Ausgleichsflächen und die multifunktionale Nutzung von städtischen Grünräumen zur Sprache. 25.10.2016